Interessierte unterschiedlichster Berufsgruppen lauschten gespannt, als Kathrin Sauerwein am 10. März 2014 ihren Vortrag über „Raum und Zeit in der japanischen Architektur“ hielt.

Im regelmäßig stattfindenen Wissenschaftlichen Gesprächskreis (WGK) drehte sich diesmal alles um Architektur. Was ist der Unterschied zur deutschen Architektur? Was fasziniert uns an japanischer Architektur?

Nach einer Begrüßung durch DAAD-Außenstellenleiter Dr. Holger Finken ging das Wort an die Referentin Kathrin Sauerwein über. Die Architektin arbeitet seit 2010 für Atsushi Kitagawara Architects in Tokyo und nahm 2008 bis 2010 am Programm „Sprache und Praxis in Japan“ des DAAD teil. 2010 veröffentlichte sie ihre erste Publikation „Plot Phase 1: The New Wellness Center in Comano“, 2013 folgte „Atsushi Kitagawara Architects“ in der Reihe „Portfolio“ des Jovis-Verlags.

Laut Sauerwein gibt es einen großen Unterschied zwischen „Gebäuden“ und „Architektur“. Von Letzterer gibt es in Tokyo nur geschätzte 5%, die allerdings faszinieren Architekten weltweit.
Wie kommt es dazu? Zum Einen herrschen im japanischen Baugesetz ganz andere Regeln: Es gibt weder städtebauliche Vorschriften bezüglich des Aussehens der Gebäude, noch gibt es Gesetze die die energetische Effizienz der Außenhülle festlegen. Die Architekten haben dadurch weitaus mehr Gestaltungsfreiraum.

Darüber hinaus gibt es aber laut Sauerwein eine spezifisch japanische Raumkonzeption aus der sich die Besonderheiten der japanischen Architektur ableiten. Die drei Schlüsselkonzepte sind „間“ (ma), „多層性“ (tasousei) und „奥“ (oku). Ma bezeichnet eine Lücke, eine Öffnung oder Pause und mit diesem Konzept einher geht die Untrennbarkeit von Raum und Zeit. Tasousei bezeichnet die Schichtung des Raumes in Ebenen, die man z.B. anhand von Holzschnitten aus der Edo-Zeit nachvollziehen kann. Oku bezeichnet das Innerste.
Aus diesen drei Konzepten ergeben sich zahlreiche konkrete Vorgehensweisen in der Architektur, die die Architektin im Anschluss erläuterte. Die Horizontale (Dach und Fußboden) ist in Japan viel wichtiger ist als die Vertikale (Wand). Porosität – Durchlässigkeit und Transparenz, sind enorm wichtig. Niemals werden alle Objekte gleichzeitig gezeigt. Japanische Architekten bedienen sich auch an der Umgebung, „借景“ (shakkei) bedeutet „geborgte Landschaft“ und beschreibt, wie die Aussicht zum Bestandteil der Gebäude oder Gartenkomposition wird. Desweiteren wurde der fließende Übergang zwischen Innen und Außen aufgezeigt, auch die traditionelle Multifunktionalität des japanischen Häuserbaus. Auch außerhalb Japans ist vielen bekannt, dass beispielsweise Wohnzimmer zu später Stunde in Schlafzimmer verwandelt werden.

Eine große Rolle in der japanischen Architektur spielt die sogenannte Multiperspektivität: „Der Mensch bewegt sich, er kann nicht alles auf einmal sehen.“ Diese sequentielle Reihung von Ereignissen ist am japanischen Wandelgarten leicht nachvollziehbar. Die Annäherung an das Gebäude ist ebenfalls wichtig, wie zum Beispiel bei einem Schrein. Anhand von Gebäuden der zeitgenössischen Architekten Atsushi Kitagawara und Tadao Ando erläuterte Sauerwein diese Konzepte weiter.

Auch die „Schönheit des Wandels“ („移ろい“ (utsuroi)) wurde angesprochen. Japanische Werke werden so konstruiert, dass sie sich mit Jahres- und Tageszeiten verändern. Viele Architekten bedienen sich auch an der Natur und holen diese mit unterschiedlichen Mitteln direkt ins Gebäude.
Nicht zuletzt dieses Konzept regte im Anschluss an die Präsentation zu einer heißen Diskussion an. Nur das gemütliche Ausklingen des Abends bei gemeinsamem Essen und Trinken konnte die wissbegierigen Besucher des Vortrages von weiteren Diskussionen abhalten.

Was ist nun der Unterschied der japanischen zur deutschen Architektur? „Die Berücksichtigung der Bewegung des Menschen im Raum kreiert Abwechslung (…) davon können Europäer mit Sicherheit lernen.“, meint Kathrin Sauerwein.

Catrin Greim
Praktikantin
DAAD Tokyo
März 2014