Anne Gross, Architektin und ehemalige SP-Stipendiatin, plante am 20. Mai 2019 einen Stadtspaziergang für Berlins Regierenden Bürgermeister Michael Müller und eine deutsche Unternehmensdelegation durch Tokyo. In einem Interview erzählt sie von ihren Erfahrungen mit dem „Sprache und Praxis in Japan“- Programm des DAAD und von ihrem Berufseinstieg in Japan.

Erzählen Sie uns etwas über sich und was Sie machen!

Ich war Architektin in Berlin und kam 2016 mit dem DAAD-Stipendium Sprache und Praxis in Japan für eineinhalb Jahre nach Tokyo. Ich bin bei meinem letzten Praktikumsbetrieb geblieben, bei Atelier Bow-Wow, ein tolles Architekturbüro, das klein, aber international aktiv ist. Ich bekam dann aber mein Kind und bin nun bei meinem ehemaligen Chef an der Uni, am Tokyo Institute of Technology, um dort im Bereich der Architektur zu promovieren.

Wie sind Sie darauf gekommen, nach Japan zu gehen?

Japan ist für Architekten ein kleines „Mekka“. In der zeitgenössischen Architektur ist Japan immer ganz weit vorne mit alternativen, intelligenten und kreativen Ideen und das erreicht einen früh während des Architektur-Studiums. Deshalb ging ich vor zehn Jahren schon nach Japan, um dort zu studieren und ein Praktikum zu machen. Dort habe ich ein ganzes Jahr verbracht und war sehr beeindruckt. Mein Partner, mit dem ich damals in Japan zusammenkam, und ich wollten immer wieder zurückkommen. Wir haben nach einer guten Möglichkeit gesucht, um uns das leisten zu können. Nach unserem Abschluss arbeiteten wir einige Jahre und konnten schließlich nach Japan zurückkehren.

Was hat Sie gerade am SP-Programm angesprochen?

Wichtig ist zu sagen, dass ich keine Studentin mehr war und nach einer Graduierten- Förderung gesucht habe. Damals habe ich auch noch gar nicht in Erwägung gezogen, nochmal an die Uni zu gehen, oder zu promovieren.

Das SP-Programm gibt einem eigentlich all das, was man braucht, um hier auch ein Stück weit leben zu können: eine Sprachausbildung, Berufsausbildung, und Möglichkeiten zum beruflichen Einstieg. Und das waren damit die Kriterien.

 

Was ist Ihnen von dem Programm am stärksten in Erinnerung geblieben?

Der Sprachkurs! Der vereint eigentlich alle Gefühle, die man haben kann: unglaublich anspruchsvoll, reizvoll, interessant, kulturell gut ausgewogen, eine gute Sprachausbildung, gerade auch wenn man ein Stückchen älter ist. Dann wieder in eine Sprachausbildung zu gehen, ist nicht einfach. Es gab sehr viele Hürden, aber auch sehr viele Erfolge. Das war die intensivste Zeit - an die erinnere ich mich immer sofort, wenn man mich auf das SP-Stipendium anspricht.

 

Ansonsten waren natürlich auch die Exkursionen wahnsinnig interessant und aufschlussreich. Ich hatte die Möglichkeit, meine Traumbüros zu besuchen, um dort berufliche Einsichten zu bekommen. Aber am eindrucksvollsten war wirklich die Sprachausbildung.

 

Inwiefern hat das Programm Ihnen zu Ihrer jetzigen Karriere verholfen?

Es hat jede Menge Türen geöffnet. Ich bin jetzt hier beruflich tätig und promoviere bei einem sehr guten Professor - die Tatsache, dass ich vorher bei ihm arbeiten konnte, hat mir sicher einen Vorteil verschaffen, einen Platz zu bekommen.

Aber es ist vor allem die Sprache, die Türen öffnet. Es führt nichts an dieser Sprache vorbei. Ohne die Sprache könnte ich hier so nicht leben und arbeiten. Auch rein kulturell öffnet sie alle Türen. Wir arbeiten gerade parallel an einem privaten Projekt und sanieren das Haus eines älteren japanischen Herren. Ohne gute Japanisch-Kenntnisse hätte ich das niemals machen können, weil dann das Vertrauen gar nicht da ist. Das ist unglaublich wichtig.

Und Sie haben auch ein eigenständiges Architekturbüro?

Wir sind gerade dabei, es zu gründen. Aber wir arbeiten bereits an einigen baulichen Aufgaben in der Nachbarschaft. Wir tragen dazu bei, die Straße, in der wir wohnen, eine kleine Einkaufsstraße, schöner zu machen, indem wir die Außenwände streichen. Und hinzukommt, dass wir gerne für kulturellen Austausch mit Deutschland die Ansprechpartner sein wollen. Der Kontakt kam zustande über die deutsche Botschaft und auch über den DAAD. So konnten wir den Bürgermeister von Berlin durch Tokyo führen, was uns persönlich ganz wichtig ist, da wir Berliner sind. Diese Art von Aufgaben wollen wir weiter betreiben. Ein einfaches Architekturbüro soll es nicht werden. Es soll mehr sein, neben den klassischen Aufgaben, wie die Sanierung dieses Hauses hier. Wir wollen die Ansprechpartner sein, wenn es um Wissensvermittlung geht, zur Urbanistik oder zur Stadtplanung allgemein, oder auch für Lebensqualität und Lebensweise in Japan, oder speziell in Tokyo.

Sie haben den Architektur-Spaziergang für den Bürgermeister und die Unternehmensdelegation geplant. Wie ist dieser abgelaufen?

Unser Spaziergang zielte darauf ab, der Delegation zu zeigen, wie Tokyo wirklich funktioniert und aufgebaut ist. Denn viele Reisende, die nach Japan - oder speziell Tokyo - kommen, haben ganz andere Vorstellungen und Klischees im Kopf, die sie dann auch gerne bestätigt haben möchten. Wir haben ein wenig erklärt, warum diese Vorstellungen oft nicht zutreffen. Beispielsweise liegen in Japan kleine Baustrukturen sehr dicht neben Großen. Und die kleinen Strukturen, sprich kleine Häuser, überwiegen durchaus. Wir sind 10 Kilometer durch Tokyo gelaufen und starteten in Roppongi. Von dem Plateau des Mori Towers sind wir direkt hinunter auf die Straße gegangen und wählten mit Absicht kleine Wege, die man so vielleicht nicht gehen würde. Insgesamt haben wir fast drei Stunden miteinander verbracht.

Und was sind das für Klischees, die Reisende häufig mitbringen?

Viele denken, dass Tokyo eine Großstadt ist, wie man sie kennt, mit vielen Hochhäusern, einem wichtigen Stadtzentrum und Außenbezirken, mit viel Verkehr, vielleicht sogar Smog. Man bringt es wirklich mit der klassischen Großstadt in Verbindung, denn Tokyo ist nunmal die größte Stadt der Welt. Aber wir wollen zeigen, dass Tokyo aus mehreren Zentren besteht. Natürlich haben sie die Mutterstadt Tokyo über sich gelagert, die aber in 23 Unterstädte aufgegliedert ist, die eigenständig arbeiten. Bis auf übergeordnete Strukturen wie Verkehr und Wasserversorgung wird alles dezentral organisiert. Beispielsweise Minato, Arakawa oderSuginami, also die Ku, die Distrikte, sind eigentlich eigene Städte. Und wenn man ins Detail geht, dann bilden sich immer Zentren um Bahnhöfe. Und das wiederum wirkt sich auf die Mietpreise aus.

Das kann man eben besonders gut durch das Spazierengehen erfahrbar machen. Man kann dann quasi von einem Punkt zum nächsten laufen und beschreitet so höhere Baustrukturen und kleinteiligere. Es ist eigentlich ganz egal, wo man sich der Stadt befindet, ob weiter im Norden oder im Süden, innerhalb der Yamanote Line oder außerhalb, das ist irgendwie immer ähnlich.

Denken Sie, dass Japan in dem Punkt ein Vorbild sein kann?

Japan, oder vor allem Tokyo, ist immer noch wahnsinnig zukunftsweisend und hat gelernt, mit dem hohen Bevölkerungsaufkommen in dieser Stadt umzugehen. Das ist etwas, wo gerade jeder hinschaut. Ich finde, dass Tokyo ein gutes Beispiel ist mit der dezentralen Strukturierung, anstatt dem klassischen Großstadtaufbau mit nur einem Hauptzentrum. Wenn man das Ganze jedoch wiederum auf der Bundesebene betrachtet, ist Japan ein Zentralstaat und alles fließt nach Tokyo. In der Hinsicht könnte Japan sich wieder etwas von Deutschland abschauen.

Welchen Ratschlag würden Sie jungen Leuten geben, die über eine Karriere in Japan nachdenken?

Wenn man hier Fuß fassen möchte, muss man die Sprache können. Ansonsten lebt man in einer Blase. Und damit erfährt man nur einen ganz geringen Prozentteil von dem, was man hier eigentlich erfahren kann. Wenn man es ernst meint, muss man die Sprache lernen und sich auch mit einigen kulturellen Unterschieden vertraut machen. Man muss seine eigenen Erwartungen ein Stück runterschrauben und sich an die Gepflogenheiten hier anpassen, ohne sich selbst zu verraten.

Interview und Redaktion: Paulina Schilling (Praktikantin des DAAD Tokyo)