Die COVID-19-Pandemie wirkt sich auch auf das Leben in Japan aus. Dorothea Mahnke, Leiterin der DAAD- Außenstelle Tokyo, berichtet über die aktuelle Situation in Japan.

Japan vermeidet die „drei Engen“

Japan vermeidet die „drei Engen“

Fünf Wochen sind nun vergangen, seitdem die Gouverneurin von Tokyo die Bitte äußerte, in „freiwilliger Selbstisolation“ möglichst zu Hause zu bleiben, vier Wochen sind vergangen, seitdem Shinzo Abe den Notstand in Tokyo und sechs weiteren Präfekturen ausgerufen hat und zwei Wochen, seitdem er ihn national ausgeweitet hat. Die Außenstelle befindet sich seit über einem Monat im Homeoffice.

Konkret bedeutet der Notstand, dass die Gouverneure und Gouverneurinnen der Präfekturen Geschäfte zur Schließung auffordern und die Bevölkerung bitten können, zu Hause zu bleiben. Zwingen dürfen sie sie nicht, das wäre rechtlich nicht möglich. In den Großstädten wurde inzwischen das ganze Nachtleben ausgesetzt.  Karokebars, Kneipen und Tanzhallen haben zu – die wenigen Pachinkohallen (Pachinko ist ein japanisches Glücksspiel), die geöffnet haben, werden öffentlich diffamiert. Alarmiert durch die dramatische Berichterstattung der Medien, halten sich immer mehr Menschen an die drei „Mitsu“, die – allen voran von der Gouverneurin der Stadt Tokyo – wie ein Mantra bei jeder Gelegenheit heruntergebetet werden: Das sind die drei „Engen“, die es zu vermeiden gilt – die Enge in geschlossenen Räumen, die Enge in großen Menschenmassen, und der enge Kontakt mit anderen Menschen.

Die Aufklärungsposter der Regierung werden in mehrere Sprachen übersetzt.
„Three Cs“ für die drei Engen und die „Hustenetikette“ (O = ja; X = nein)

Einen Lockdown gibt es nicht – die Bahn fährt noch, in derselben Taktung wie immer, Frisöre haben geöffnet, Restaurants können bis 20 Uhr die Kunden bedienen. Anfangs wurde kritisiert, dass die Maßnahmen zu spät gekommen seien, einige Experten malten schreckliche Szenarien an die Wand, die glücklicherweise bisher noch nicht eingetreten sind. Landesweit sind schon 80% der Krankenhausbetten belegt – kritisch wird es bei den raren Intensivbetten und den Beatmungsgeräten.

Generell muten die Infektionszahlen niedrig an – heute (27.04.) sind es offiziell 14.153. Die Dunkelziffer ist vermutlich weit höher, da vergleichsweise wenig getestet wird. Die meisten Kranken sind noch in den Metropolen zu finden, deshalb sind auch 52% jünger als 50 Jahre alt. Die Todesrate liegt bei 3%, davon sind 92% älter als 60 Jahre, über die Hälfte sind über 80 Jahre alt.

Die Strategie Japans nähert sich der Strategie Deutschlands an: Da keine flächendeckende Testung möglich ist (anders als in Taiwan und Südkorea, die von SARS betroffen waren und bereits aufgerüstet hatten) und auch keine Überwachung durch Handydaten (weil der Datenschutz hochgehalten wird), setzt man auf das Auffinden von Clustern (unseren „Hotspots“) mit gleichzeitiger Rückverfolgung von Infektionsketten. Die Strategie beruht auf der Beobachtung, dass vor dem Notstand die mit dem Virus infizierten Personen unterschiedlich viele Menschen ansteckten und zwar in geschlossenen Räumen wie Kneipen, Bars oder Sportstudios – dort, wo die drei „Mitsu“ zusammenkommen.

Das Ziel der Regierung ist nun, mit den Bitten an die Bevölkerung, den zwischenmenschlichen Kontakt um 80% zu reduzieren und so die Reproduktionsrate des Virus auf unter eine Person zu minimieren. Dann würde die Infektionskurve nur langsam ansteigen und das Gesundheitssystem könnte die Versorgung der Infizierten bewältigen. Besondere Angst macht den Verantwortlichen die bevorstehende „Goldene Woche“, eine Aneinanderreihung einer ganzen Woche von Feiertagen, an denen üblicherweise die Menschen Reisen unternehmen. Es wird befürchtet, dass sich die Krankheit durch Reisetätigkeit in die ländlicheren Regionen, in denen viele alte Menschen leben, ausweitet. Der neue Slogan heißt also „Stay Home – Stay in Tokyo“, der „sanfte Druck“ in den Medien verstärkt sich: Täglich werden Einzelschicksale von Coronakranken im Fernsehen beleuchtet, der Tod zweier Celebrities hat ebenso Schlagzeilen gemacht.

Auch Hachiko schützt sich vor Corona (berühmter Hund, dessen Statue vor dem Shibuya-Bahnhof steht)

Mein Eindruck ist, dass die Bevölkerung, so gut es geht, mitmacht. Die Straßen sind leer(er), alle tragen Masken, viele Geschäfte bleiben geschlossen. Wer kann, ist im Homeoffice.

Derweil werden die sozialen und wirtschaftlichen Folgen immer deutlicher. Schon jetzt leiden die unzähligen kleinen Restaurants, Bars und Nachclubs – häufig sind dies Einpersonenbetriebe, die nun jeden Abend um 20 Uhr schließen müssen; die Tourismusbranche mit ihren zahlreichen Familienherbergen, die für die Olympiade aufgerüstet hatte, liegt am Boden. Viele Menschen wurden bereits entlassen. Dahinter stecken Einzelschicksale: Es wird von alleinerziehenden Müttern berichtet, die ihre Jobs im Servicebereich verlieren und nun mit den Kindern, die noch zu Hause sind, in ihren viel zu kleinen Wohnungen sitzen. Was macht man mit den 4.000 Obdachlosen, die üblicherweise in Internetcafes Unterschlupf finden, welche nun nachts geschlossen werden? Es wird auch von Operationen berichtet, die nicht mehr durchgeführt werden können, und von der Pflege alter Menschen, die vielerorts nicht gewährleistet werden kann, weil Pflegefirmen keine Hausbesuche mehr abstatten dürfen.

Staatliche Hilfen sollen die Folgen abpuffern. Nach einer längeren Diskussion gibt die Regierung jeder/jedem Einwohner/in pauschal 100.000 Yen (ca. 800 Euro). Zunächst sollte die Auszahlung einer höheren Summe an einer gewissen Einkommensgrenze festgemacht werden. Das wurde aber als ungerecht empfunden und nach großem Protest in den Medien und durch den Koalitionspartner der LDP, der Komeito, wurde der Zuschuss auf alle Einwohner ausgeweitet. Das schließt auch die hier lebenden Ausländer ein – im Gegensatz zu den Hilfszahlungen in anderen Ländern.

Weitere großzügige wirtschaftliche Hilfen für Einzelpersonen sowie für Betriebe werden in Form von Zuschüssen und von zinslosen Darlehen, auch von den Präfekturen, vergeben (u. a. für Kinderbetreuung oder die Einrichtung von Take-Out/Lieferservice). Dabei gibt es Unterschiede in der Höhe – in Tokyo sind die Kreditrahmen am höchsten, in ärmeren Präfekturen sehr viel niedriger.

Universitäten stellen auf Online-Kurse um – Studierende geraten in Schwierigkeiten

 

Eines der unzähligen Kleinrestaurants, das nun geschlossen ist

Universitäten stellen auf Online-Kurse um – Studierende geraten in Schwierigkeiten

Viele Universitäten haben ihren Campus komplett oder teilweise geschlossen; der Großteil bietet Onlineunterricht an, nachdem viele zunächst den Semesterstart verschoben hatten, einige bis Mitte April, einige bis in den Mai. Für viele Lehrkräfte ist das ein Sprung ins kalte Wasser, haben – laut einer Untersuchung des Bildungsministeriums von 2017 – nur 200 von 830 tertiären Einrichtungen [1] Erfahrungen in der Onlinelehre. Dabei stehen die großen nationalen Universitäten (die den Großteil der Forschungsuniversitäten ausmachen) verhältnismäßig gut da: 50 von 86 nationalen Universitäten hatten angegeben, bereits Erfahrung in der Onlinelehre zu haben.

Das Bildungsministerium hat Hilfen für technisches Equipment wie mobile Router und Laptops für Studierende zugesagt, das über die Universitäten ausgeliehen werden soll. Rund 20% der Studierenden besitzen keine geeignete technische Ausstattung, was die Möglichkeiten zur Gestaltung der Online-Lehre stark einschränkt. Die Hilfe soll an 100.000 Studierende gehen und kann zusätzlich für Experten bei Softwareproblemen oder für Weiterbildungen in der Gestaltung von Onlinekursen genutzt werden. Einzelne Universitäten haben diese Zuschüsse bereits konkret umgesetzt, vielfach müssen sich Lehrkräfte und Studierende jedoch zunächst mit den vorhandenen Ressourcen begnügen oder bieten – wie an der Keio-Universität – vor allem Kurse „on demand“ an. Zudem hat die Regierung das Copyright für Materialien, die innerhalb der Fernlehre genutzt werden, bis Ende des Jahres ausgesetzt.

Fehlendes technisches Equipment ist jedoch nicht das einzige Problem, mit dem sich die Studierenden konfrontiert sehen. Viele haben Schwierigkeiten, ihren Lebensunterhalt weiter zu bestreiten oder ihre Studiengebühren zu zahlen, weil sie ihre Nebenjobs im Servicebereich verloren haben oder ihre Eltern weniger verdienen bzw. arbeitslos geworden sind. Eine jüngste Umfrage der Studierendengruppe FREE, die sich generell für einen Wegfall der Studiengebühren einsetzt, macht das Ausmaß deutlich:  Demnach sind 73% der befragten Studierenden auf die Einkünfte ihrer Nebenjobs angewiesen, gleichzeitig müssen 60% einen Wegfall oder eine Reduktion dieser Einnahmen hinnehmen. Jeder 13. Studierende denkt deswegen an einen Studienabbruch.

Einige wenige Universitäten haben bereits für das Sommersemester eine Reduktion der Studiengebühren in Aussicht gestellt, bieten eine spätere Zahlung an oder stellen spezielle Stipendien zur Verfügung, die aber zum größten Teil als Darlehen angelegt sind; einige planen Notfallhilfe für Studierende, die ihre Miete und andere Lebensunterhaltungskosten nicht mehr bestreiten können. FREE fordert, dass die Studiengebühren zur Hälfte erlassen werden, was von einigen Politikern unterstützt wird.

Ein weiteres Problem für die Studierenden ist der fehlende Platz zum Lernen. Viele müssen sich nun in ihren viel zu kleinen Zimmern, teilweise ohne Schreibtische, aufhalten, denn die Campus und Bibliotheken sind geschlossen. Es wird vor den psychologischen Folgen gewarnt. Gerade in Tokyo verzichten viele darauf, zurück zu ihren Eltern in die Region zu fahren, damit sie das Virus dort nicht einschleppen.

Kein Getummel mehr am Bahnhof Harajuku, eines der Szene-Viertel Tokyos

Auch auf die Jobsuche hat das Virus eine Auswirkung, finden doch in diesen Monaten traditionell die Jobmessen, Firmenbesuche und Interviews statt, in denen die Absolventen im nächsten Jahr angeworben werden (jetzt für April 2021). Die Firmen machen sich Sorgen, dass sie ihre Recruiting-Aktivitäten nicht durchführen können und so einen Wettbewerbsnachteil bei der Anwerbung der Graduierten haben. Die Absolventen befürchten, dass weniger rekrutiert wird. Laut einer Umfrage der Tageszeitung Yomiuri Shimbun und dem Nippon Television Network Corp. werden 30% der befragten Unternehmen weniger Absolventen als üblich im nächsten Jahr einstellen.

Die Idee, den Beginn des Studien- und Schuljahres generell von April auf September zu verlegen, steht wieder im Raum. Befürworter argumentieren, dass sich so die Chancenungleichheiten, die durch Corona für Studierende und Schüler entstanden seien, wieder ausgleichen würden und zugleich mit dieser Anpassung an internationale Zeitpläne, Auslandsaufenthalte einfacher zu realisieren seien. Die Regierung hält sich bedeckt. Eine Umstellung würde unter anderem Änderungen im Fiskaljahr, bei der Jobsuche und Jobeinstellung bedeuten, die alle auf April ausgerichtet sind.

Ausländische Studierende und Graduierte leiden unter der Situation besonders, denn der Großteil muss sich das Studium durch Nebenjobs finanzieren. Viele der internationalen Graduierten streben eine Stelle in einer hiesigen Firma an. Es war für sie schon vor Corona schwerer als für japanische AbsolventInnen, bei der jährlichen Jobsuche ein Angebot zu erhalten. Nun fürchten sie, dass ihre Erfolgsaussichten weiter sinken, insbesondere wenn die Krise anhält und der Druck auf KMUs, in denen die Mehrheit der überwiegend asiatischen internationalen Studierenden arbeitet, sich weiter verstärkt. Wenn sie nicht innerhalb des ersten Jahres nach Abschluss eine Stelle gefunden haben, läuft ihr Visum aus. Noch schlechter sieht es für diejenigen aus, die schon eine Stelle haben, diese aber verlieren: Ein Arbeitsvisum lässt ihnen nur drei Monate, um eine neue Arbeit zu finden.

Was für eine Auswirkung die Krise auf die Mobilität haben wird, steht noch in den Sternen. Der große Stipendiengeber JASSO hat die Stipendien bis auf Weiteres ab dem 1. April ausgesetzt und ihre Stipendiat/innen dazu aufgefordert, wieder nach Japan zurückzukehren.  Auch die Universitäten streichen ihre Austauschprogramme – die Universität Tokyo hat dies gleich bis April 2021 getan. Die Stipendien der JSPS, die ab Doktorandenniveau fördert, sind generell flexibel einsetzbar, sodass sie vorerst keine Maßnahmen treffen musste. Das JSPS Summer Program, das üblicherweise in den acht Hochsommerwochen stattfindet und das von der Außenstelle verwaltet und betreut wird, wird für dieses Jahr flexibilisiert: Die 20 deutschen Stipendiat/innen dürfen nun das Stipendium bis zum Ende des Fiskaljahres im März 2021 zu einem beliebigen Zeitpunkt antreten. Das Bildungsministerium hat außerdem das Tobitate-Programm (Stipendium für Graduierte der Oberschulen und für Studierende) ausgesetzt und wird im Juli bekanntgeben, wie es weitergeht.

[1] Dies schließt 50 Institutionen ein, die wir nicht als HS bezeichnen würden. Die Anzahl der Hochschulen beträgt 780.

Veranstaltungen der Außenstelle

Vergnügungspark und Sportstätte (Tokyo Dome) – geschlossen

Veranstaltungen der Außenstelle

Soweit möglich, werden unsere Aktivitäten ins Internet verlagert. Statt Infoveranstaltungen an den Hochschulen organisieren wir Webinare zum Studium in Deutschland - die Nachfrage ist hoch. Die European Higher Education Fair wird voraussichtlich in den Herbst verschoben, das Format ist noch unklar. Beratungen der Außenstelle werden nun auch über Videochat angeboten.

Die meisten Präsenzveranstaltungen in der ersten Jahreshälfte, darunter u. a. ein Dhoch3-Workshop, zwei Veranstaltungen im Ortslektorenprogramm sowie die DAAD-unterstützten Veranstaltungen der Japanischen Gesellschaft für Germanistik, mussten leider abgesagt werden.

Am Wochenende sind die Bahnen fast menschenleer - das wünscht sich die Regierung auch für die Goldene Woche

Für Veranstaltungen in der zweiten Jahreshälfte wird, wo möglich, bereits vorsorglich ein Plan B mitgedacht. Ein mehrtägiges Fachseminar für Ortslektoren wird sich selbst inhaltlich mit dem Thema Telekollaboration und virtueller Austausch im universitären Deutsch-als-Fremdsprache-Unterricht befassen und greift damit ganz konkret einen Aspekt der aktuell allgegenwärtigen Digitalisierung der Hochschullehre auf, zumal in Zusammenhang mit Internationalisierung.

Auch das DWIH Tokyo hat seine Veranstaltungen ins Internet verlegt. Dazu zählen:

  • Ein Web Talk am 31. März über “The Future of Work in Industry 4.0 & Society 5.0” www.dwih-tokyo.org/future_work/
  • Ein DIJ DWIH Forum, geplant am 27. Mai über “National Approaches to Systemic Risk Germany and Japan under the COVID-19 Crisis” https://bit.ly/3f10y4q
  • Das 2. Deutsch-Japanisch-Französische Symposium zu Künstlicher Intelligenz, das am 18. und 19. November in Tokyo geplant ist www.dwih-tokyo.org/ai2/

Im DWIH Newsletter informieren wir regelmäßig über alle Veranstaltungen des DWIH Tokyo: www.dwih-tokyo.org/newsletter

Text: Dorothea Mahnke (Leiterin, DAAD Außenstelle Tokyo)
30. April 2020