Anfang September haben die Teilnehmer*innen des Programms „Sprache und Praxis in Japan“ zwei Tage lang an einer Exkursion teilgenommen – durch Corona unter hohen Sicherheitsvorkehrungen und teilweise online. Die Teilnehmer*innen des Programms, das nunmehr zum 36. Mal durchgeführt wird, blicken mit Bildern auf ihre Erfahrungen zurück.

Programm der Exkursion:

  • Tag1: Werksbesichtigung von Busyu Kogyo Co., Ltd. (Tokyo)→Vortrag zum Thema „Kaga Yuzen und KI“ vom Forscher Takuma Torii des Japan Advanced Institute of Science and Technology (Online)
  • Tag2: Besichtigung des IID - Ikejiri Institute of Design (Tokyo) → Mittagessen im Restaurant von NIHONBASHI TOYAMA (Tokyo)→ Vortrag vom Toyama Local Office der Bank of Japan (Online) →Dinner im Hilton Odaiba (Tokyo)

Der Auftakt der diesjährigen Exkursion des SP Japans Programms 36 führte in den Westen Tokyos nach Ome.

Der Auftakt der diesjährigen Exkursion des SP Japans Programms 36, die trotz der Corona Pandemie in einer verkürzten Form dann doch noch stattfinden konnte, führte die Stipendiatinnen und Stipendiaten in den Westen Tokyos nach Ome. Dort hat Busyu seine Firmenzentrale und eine Fabrik. Das Unternehmen ist auf die Herstellung von Rohren spezialisiert und beschäftigt rund 150 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

In Ome selbst erinnert wenig an die Neonlichter und Hochhäuser, die vermutlich das Bild Tokyos oftmals prägen. Etwas bodenständiger geht es auch im Unternehmen selbst zu. So steht in einem Pausenraum des Unternehmens der vom Präsidenten des Unternehmens während seines Studiums selbstgebaute funktionstüchtige Verstärker samt Gitarre. Die darin ausgedrückte Kreativität verbunden mit handwerklichen Fähigkeiten prägen das Unternehmen auch heute noch.

Der Präsident des Unternehmens konnte von einer in den letzten Jahren deutlich zugenommenen Produktivitätssteigerung berichten, welche er u.a. auf eine Digitalisierung zurückführte. Allerdings besteht diese Digitalisierung nicht nur aus dem Einsatz von autonomen Maschinen und Robotern in der Werkstatt, sondern dem Einsatz von Smartphones und Tablets an jedem von Hand zu bewerkstelligenden Produktionsschritt. Damit haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine direkte Möglichkeit Produktionshindernisse und auftretende Fehler zentral zu speichern und zu melden, sodass etwaige mehrmals aufkommende Probleme und Hindernisse zügig erkannt und angegangen werden können. Die hauseigene IT-Abteilung ist dabei ein integraler Bestandteil der Umsetzung neuer Ideen und Abläufe.

Wichtig ist dem Unternehmen dabei eine vertikale bzw. gestreute Verantwortung innerhalb der Herstellungsprozesse. So sind die Arbeiterinnen und Arbeiter maßgeblich für die einzelnen Produktionsschritte verantwortlich und können viele Entscheidungen und Arbeitsabläufe selbst bestimmen. Auch dies wird als ein Faktor der Produktivitätssteigerung gesehen, womit die Produkte bei gleichbleibender hoher Qualität mit vermeintlich günstigeren Produktionskosten aus dem Ausland mithalten können.

Besonders im Fokus des Unternehmens stehen für die nächste Jahre auch weiterhin die Sustainable Development Goals (Ziele für nachhaltige Entwicklung) der Vereinten Nationen. Busyu verfolgt diese Ziele bereits seit einigen Jahren und ist sich der unternehmerischen Verantwortung für Umwelt und Gesellschaft bewusst. Umso mehr hat es die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Exkursion gefreut mit Busyu ein so interessantes japanisches Industrieunternehmen vor Ort im Westen Tokyos besuchen zu können.

Kaga Yuzen – traditionelles japanisches Färbeverfahren

Als Teil unserer Sprache und Praxis-Exkursion Anfang September 2020 brachte uns Takuma Torii-san die Technik des Yuzen-Färbeprozesses näher und stellte seine eigenen Forschungen zu diesem Thema vor. Takuma Torii-san ist als Assistant Professor an der JAIST Universität, dem Japan Advanced Institute of Science and Technology, im Bereich der Kognitionswissenschaften tätig.

Kaga Yuzen bezeichnet eine mehrere jahrhundertealte traditionell japanische Färbetechnik mit Hilfe der sich charakteristische Muster und filigrane Linien sauber auf einen Stoff aufbringen lassen. Das Yuzen-Verfahren wurde hauptsächlich zum Färben und Verzieren von Kleidungstücken wie Kimonos oder Yukatas verwendet, und fand große Bedeutung in Kanazawa in der damaligen Kaga Region. Dort wurde die Technik durch Yuzensai Miyazaki-san im 18. Jahrhundert zur sogenannten Kaga Yuzen verfeinert und weiterentwickelt.

Kaga Yuzen verwendet die fünf grundlegenden Farben Indigoblau, Purpur, Ocker, Dunkelgrün und Violett, und stellt Elemente der Natur wie beispielsweise Blumen, Vögel und Landschaften dar. Ein entscheidender Schritt während des Färbeprozesses ist das Auftragen einer Reispaste, um Bereiche unterschiedlicher Farbgebung zu trennen und so das spätere Verlaufen der Farben zu verhindern.

Aufgrund des aufwändigen und teuren Herstellungsprozesses droht die Tradition und der Wert des Yuzenfärbens in Vergessenheit zu geraten. Um dem entgegen zu wirken, arbeitet Takuma Torii-san an einem digitalen Archiv für Yuzen-Skizzen und Designentwürfe. Diese Sammlung soll zum einen für Kulturbildung in beispielsweise interaktiven Anwendungen, zum anderen aber auch für Analysen durch künstliche Intelligenz genutzt werden können.

Alte Schule mit neuen Ideen

Die dunkelgrüne Tafel im Klassenzimmer ist perfekt geputzt, Tische und Stühle stehen ordentlich gereiht und der Ventilator an der Decke rattert, während er die warme Sommerluft umherschaufelt. Der massive, rechteckige Betonbau der Ikejiri Junior High School im Tokioter Stadtteil Setagaya sieht aus wie viele andere Schulgebäude in Japan. Was fehlt, sind die Schüler*innen, denn die Schule wurde im Jahr 2004 geschlossen. Verwaist ist das Gebäude dennoch nicht: Seit einigen Jahren residieren hier Start-Ups, Coworking Spaces und kleine Handwerksgeschäfte.

Das Schulgebäude wurde für seinen neuen Zweck umfassend saniert, sein Flair hat es jedoch behalten. Und auch im Namen spiegelt sich die Geschichte wider: Setagaya Monozukuri School – die Setagaya Schule für handgemachte Waren. Jedes kleine Unternehmen kann hier sein eigenes ehemaliges Klassenzimmer mieten und es selbst einrichten und gestalten. So besteht zum Beispiel der Laden für handgemachte Schilder aus einer großen Verkaufsfläche und einem kleinen Atelier, das Entwicklerstudio für Computerspiele ist dagegen voller Schreibtische mit großen Bildschirmen. Für Konferenzen und Workshops gibt es weiterhin ein originales Klassenzimmer im Gebäude – inklusive kleiner, in das Holz geschnitzter Verewigungen auf den Schreibtischen von früher. Wer hier sitzt, fühlt sich wieder wie in der Schulzeit.

Gelernt kann in der Setagaya Monozukuri School auch weiterhin werden: Regelmäßig finden Workshops in den alten Schulräumen statt. Und mithilfe von Events möchte man nicht nur die Arbeit der vielen Handwerksläden bekannter machen, sondern auch die Menschen in der Umgebung vernetzen. Vor der Covid-19-Pandemie kamen bis zu 20.000 Besucher*innen.

Mit vielen neuen Ideen haben die Macher*innen der Setagaya Monozukuri School neues Leben eingehaucht. Ein spannendes Projekt, das auch woanders Schule machen könnte.

Nihonbashi Toyama-kan

Auf dem Tablett sind kunstvoll angerichtet: Somen-Nudeln auf Eis, rohe Garnelen und eine Schale mit Sesam und Ingwer. Daneben gibt es Kakiage, ein Ballen aus frittiertem Gemüse und Garnelen, der vor dem Essen in eine Sauce gedippt wird. Beim Essen fühlen wir uns nach Toyama versetzt, der japanischen Präfektur an der Küste des Japanischen Meeres. Tatsächlich sind wir allerdings im Nihonbashi Toyama-kan, einem von der Präfektur betriebenem Essensgeschäft und Restaurant im Zentrum Tokios.

Diese sogenannten „Antenna Shops“ sind Läden, die Produkte und Lebensmittel einer spezifischen Präfektur oder Region verkaufen. Sie werden von der lokalen Regierung betrieben und haben oft ein angeschlossenes Restaurant.

Nach dem Essen im Toyama-kan trinken wir noch einen Amazake, einen fermentieren Getränk, dass aus Reis hergestellt wird. Für die Herstellung dieses nichtalkoholischen Amazakes, zu deutsche „süßer Sake“ wird der Pilz „Koji“ zu gekochtem Reis hinzugefügt wodurch die Stärke des Reises in Zucker umgewandelt wird.

Wer nach diesem leckeren Einblick in die Küche Toyamas Lust auf den Besuch weiterer Antenna Shops hat, stehen weitere 60 in Tokyo zur Verfügung, so dass man eine kulinarische Reise durch Japan machen kann, ohne die Hauptstadt zu verlassen.

Japanisches Abschlussdinner mit Blick auf die Tokyo Bay

Nach den Besichtigungen vieler unterschiedlicher Orte, die uns nicht nur Tokyo, sondern auch andere Regionen Japans, wie beispielsweise Toyama nähergebracht haben, folgte das Abschlussdinner im SAKURA im Hilton auf Odaiba. Zunächst würde man bei dem Hotel Hilton vermuten, dass dies nicht unbedingt mit Japan verbunden werden kann, jedoch wird man beim Betreten des im japanischen Stil eingerichteten Restaurants sogleich in eine ganz andere Welt versetzt. Gleich zu Anfang begrüßen einem die im traditionellen Kimono gekleideten Angestellten, die einem zum Platz mit dem wohl schönsten Blick über die Tokyo Bay begleiten.

Nur wenige Orte bieten eine Panoramaaussicht auf so viele für Tokyo symbolische Bauwerke, wie dem Tokyo Tower, Tokyo Skytree oder die Rainbow Bridge. Das aufziehende Gewitter in der Ferne untermalt die Atmosphäre, bei welcher rege Gespräche über die Erfahrungen im Programm, die besonderen Umstände in denen wir uns befinden und die Zukunft Japans gehalten werden. Währenddessen wird vor unseren Augen das Tempura bestehend aus unterschiedlichen Meerestieren und Gemüsesorten zubereitet. Das traditionelle Essen und Flair des Restaurants in Kombination mit dem Ausblick über das schnellwachsende Tokyo im Jahre 2020, gibt einem dieses besondere Gefühl eines Ortes, an dem Tradition mit Moderne verbunden wird.

Ein rundum gelungener Abschluss einer kleinen Exkursion durch Tokyo, die zwar anders am Anfang des Antretens des Programmes erwartet wurde, aber schlussendlich nicht hätte besser sein können. Dies war definitiv ein Ausflug an dem sich alle Beteiligten stets mit einem Lächeln zurück erinnern werden.

Mehr über das Programm „Sprache und Praxis in Japan“ erfahren Sie hier.