Die diesjährige DAAD Exkursion vom 20. Juni bis zum 23. Juni 2021 stand aufgrund der zehnjährigen Jährung des Tohoku-Erdbebens von März 2011 im Zeichen der Dreifachkatastrophe.

Der ursprüngliche Plan, die Präfekturen Iwate und Miyagi persönlich zu besuchen, war aufgrund der bis zum 20. Juni andauernden Notstandserklärung für Tokyo leider nicht möglich. Entsprechend spontan hat der DAAD unter Beibehaltung des Themas Programm und Reiseziel umgeplant: der erste Tag fand online von Zuhause statt, und am nächsten Tag aßen wir in Tokyo in einem Restaurant zu Mittag, das ein Acht-Gänge-Menü mit Zutaten und Spezialitäten der Tohoku-Region servierte, bevor wir für die weitere Zeit zu unserem Ryokan in Ome, Präfektur Tokyo, fuhren.

Besonders hinsichtlich der erschwerten Umstände mit Corona, die uns auch schon in der bisherigen Stipendienzeit Besichtigungen vor Ort erschwert hatten, waren alle neun Stipendiaten und Stipendiatinnen umso glücklicher, dass der größte Teil der Exkursion unter Berücksichtigung der entsprechenden Corona-Schutzmaßnahmen als Gruppe bestritten werden konnte. Im Ryokan haben wir vorzüglich gemeinsam speisen, die ruhige Bergregion in der Umgebung der Unterkunft bei Spaziergängen erkunden, und das Ryokan-eigene Onsen mit Aussicht auf einen Fluss genießen können.

Es wurde viel gelacht, diskutiert und sich ausgetauscht auf dieser Reise, die neue Einblicke und vielfältige Sichtweisen auf die Dreifachkatastrophe und ihre Auswirkungen, aber auch auf neue Möglichkeiten im Bereich Nachhaltigkeit und für den Deutsch-Japanischen Austausch gegeben hat. Wir werden uns alle mit Sicherheit lange an diese schönen Tage und Erfahrungen zurückerinnern.

Im Folgenden stellen wir die einzelnen Programmpunkte und was uns besonders in Erinnerung geblieben ist vor.  (Noster)

Ishinomaki Community and Info Center

Der Auftakt der diesjährigen Exkursion des SP Japan-Jahrgangs 37 wurde von einer Präsentation von Herrn Richard Halberstadt eingeleitet. Durch den Corona Notstand musste der Vortrag kurzfristig als Onlinepräsentation durchgeführt werden. Herr Halberstadt ist der Direktor des Ishinomaki Community and Info Center, welches die Folgen der Dreifachkatastrophe auf die Stadt Ishinomaki dokumentiert. Herr Halberstadt kommt ursprünglich aus England und wohnt bereits seit mehr als 20 Jahren in Ishinomaki. Die Stadt Ishinomaki liegt im Nordosten der Präfektur Miyagi und Ishinomaki war eine der Städte, die am heftigsten betroffen war vom Tohoku-Erdbeben und -Tsunami am 11.03.2011.

Der erste Teil der Präsentation beinhaltete eine Einführung zur Stadt Ishinomaki und die unmittelbaren Folgen des Tsunamis auf die Stadt. Herr Halberstadt erklärte uns anschaulich anhand von verschieden geographischen Karten die besondere Lage und Situation der Stadt.
Ishinomaki grenzt an den Pazifischen Ozean, zusätzlich fließen zwei Flüsse durch die Stadt. Durch diese Lage hat die Stadt eine besondere Beziehung zum Meer und sie ist traditionell bekannt für ihren Schiffsverkehr und kommerziellen Fischfang. Die Nähe zum Meer war allerdings auch der Grund, warum der Tsunami im Jahr 2011 verheerende Schäden anrichtete. Mehrere Tsunamis, mit einer Höhe zwischen sechs bis 25 Metern, trafen die Stadt. 17% der Stadt standen schließlich unter Wasser. Die Zahl der Verstorbenen wurde mit 3187, mit zusätzlichen 415 Vermissten, angegeben. Des Weiteren schwemmte der Tsunami große Massen an Schlamm und Schutt an. Es dauerte lange, diesen zu entfernen.

Im zweiten Teil der Onlinepräsentation erzählte uns Herrn Halberstadt seine persönlichen Geschichten von dem besagten Tag. Herr Halberstadt war glücklicherweise an dem Tag an einem Ort in der Stadt gewesen, der von den Überschwemmungen verschont blieb. In den darauffolgenden Tagen bot die britische Regierung ihm an, ihn kostenlos nach England zurückzufliegen. Nach langem Überlegen entschied sich Herr Halberstadt jedoch, in Ishinomaki zu bleiben und beim Wiederaufbau persönlich mitzuhelfen. Dies brachte ihm einen gewissen Grad an Ruhm in den lokalen und internationalen Medien.

Zum Abschluss der Präsentation beantworte Herr Halberstadt einige unserer Fragen. Diese bezogen sich speziell auf die Nachwirkungen und auf den Wiederaufbau der Stadt. Die größte Herausforderung der Stadt im Moment ist der schleichende Einwohnerrückgang. Bereits vor dem Tsunami war ein Einwohnerrückgang in der Stadt zu erkennen, jedoch beschleunigte der Tsunami diesen Fortgang. Viele junge Leute und Unternehmen, die Ishinomaki eigentlich nun dringend benötigt für den Wiederaufbau, ziehe es eher in die größeren Städte wie Sendai oder Tokyo. Auch sei die Frage schwierig zu beantworten, wann der Wiederaufbau der Stadt abgeschlossen sein wird, da die Nachwirkungen der Katastrophe bis heute noch anhalten.

Wir sind Herrn Halberstadt sehr dankbar für die sehr aufschlussreiche Präsentation, die als gelungener Einstieg zum Hauptthema der Exkursion diente. Bereits fünf Tage nach der Onlinepräsentation – der Nostand war mittlerweile aufgehoben – entschieden sich fünf von uns spontan, Herrn Halberstadt in Ishinomaki zu besuchen, damit wir uns ein eigenes Bild vor Ort machen konnten. Herr Halberstadt führte uns persönlich im „Community and Info Center“ herum und es gab noch mehr Zeit, sich über weitere Themen auszutauschen. (Dang)

3.11 Future Support Association

Der Online-Vortrag der 3.11 Future Support Association fand am ersten Tag der Exkursion statt und schloss an Herrn Halberstadts Vortrag an. Nach der Dreifachkatastrophe kamen viele Freiwillige in die betroffenen Regionen, um zu helfen. So auch nach Ishinomaki in der Präfektur Miyagi. Die Freiwilligen, lokale Führungskräfte und verschiedene Organisation taten sich zusammen, um eine bessere Zukunft für Ishinomaki zu schaffen. Daraus entstand der gemeinnützige Verein 3.11 Mirai Support (Mirai bedeutet Zukunft). Seit 2011 fördert er durch Aktivitäten, wie beispielsweise sichere Stadtentwicklung oder Aufklärung zur Katastrophenvorsorge, das Bewusstsein mit dem Umgang von Katastrophen. Außerdem unterhält er vor Ort zwei öffentliche Informations- und Austauscheinrichtungen. Regelmäßig findet dort ein öffentliches Geschichtenerzählen statt, bei dem Zeitzeugen über ihre Erlebnisse berichten.

Der Vortrag war in drei Teile gegliedert. Zunächst brachte uns Frau Fujima die Geschichte und die Aktivitäten der 3.11 Future Support Association näher. Sie erläuterte drei Phasen, die der Verein durchlaufen hat. Die erste, unmittelbar nach der Katastrophe, galt der Notversorgung und Unterstützung der Betroffenen. Die zweite Phase beschäftigte sich mit der Bildung einer starken lokalen Gemeinschaft. Die dritte und jetzige Phase hat das Ziel, die Region attraktiver zu machen und die Erinnerung und das Gelernte aus der Katastrophe weiterzugeben.

Danach berichtete Herr Kusajima, Zeitzeuge und ehrenamtlicher Geschichtenerzähler, uns seine persönlichen Erlebnisse vom 11. März 2011. Zum Zeitpunkt der Katastrophe wohnte er in einer der am stärksten vom Tsunami betroffenen Regionen der Stadt. Nachdem diese vollkommen zerstört wurde, dient sie heute als „Pufferzone“ und auf der Fläche befindet sich der Ishinomaki Minamihama Tsunami Memorial Park.

Im dritten Teil fand durch Liveschaltung per Kamera eine Online-Führung durch den Memorial Park statt. Uns wurde erläutert, wie das Gebiet früher ausgesehen hatte und wie die Fläche heute genutzt wird. Der Park verfügt über eine großzügig angelegte Grünfläche, eine Gedenkstätte für die Opfer und er beherbergt das Miyagi Tsunami Memorial Museum, dessen Fenster die Höhe darstellen, die der Tsunami vor Ort erreichte. In der Nähe des Parks befinden sich außerdem das Gebäude, in dem die 3.11 Mirai Support Association ansässig ist, sowie die Reste einer Schule, die von dem Tsunami und einem anschließenden Feuer stark beschädigt wurde.

Nach den Vorträgen des ersten Tages fand eine Online-Diskussionsrunde mit gleichzeitigem gemeinsamen Abendessen statt, bei dem wir uns über die Erkenntnisse des Tages austauschen konnten. (Scibetta)

Die Präfektur Miyagi – in Tokyo

Von neun Stipendiatinnen und Stipendiaten hatte nur einer Miyagi bereits bereist, sodass wir alle sehr auf den Vortrag der Tokyoter Repräsentanz der Präfektur Miyagi gespannt waren, die wir als ersten Präsenzpunkt im Rahmen unserer Exkursion in Tokyo kennenlernen durften. Jede Präfektur Japans hat eine Repräsentanz in der Hauptstadt Tokyo, deren Aufgabe es ist, die Interessen der Präfekturregierung vor Ort zu vertreten und Marketing zu betreiben. Der Vortrag sollte uns vor allem einen Einblick in die Regierungsstrategie zu den Themen Wiederaufbau und lokale Revitalisierung gewähren.

Die Präfektur Miyagi liegt in der Region Tohoku im Nordosten der Hauptinsel Honshu. Traurige Berühmtheit erlangte Miyagi durch die Dreifachkatastrophe vom 11. März 2011. Die Präfektur wurde von den Folgen des Tohoku-Erdbebens und des davon ausgelösten Tsunamis schwer getroffen und hatte die größten Verluste zu beklagen. Auch die Infrastruktur war im gesamten östlichen Tohoku stark betroffen. Die Region hat vor und nach der Dreifachkatastrophe überdies mit Strukturwandelproblemen zu kämpfen.

Die Tokyoter Repräsentanz berichtete über die Strategien der Regierung zum Wiederaufbau nach der Katastrophe. Dabei verfolgt die Präfektur einen ganzheitlichen, zukunftsorientierten Lösungsansatz, der sich nicht auf eine Rückkehr zum Status quo beschränkt, sondern den Wiederaufbau auch als Chance zur Restrukturierung begreift und nach langfristigen Lösungen in Bezug auf den Strukturwandel sucht. Unter Berücksichtigung der Sustainable Development Goals (Ziele für nachhaltige Entwicklung) hat sich die Präfektur zum Ziel gesetzt, auch für zukünftige Generationen einen nachhaltigen Lebensraum zu schaffen, dessen tragende Säule eine lebhafte, lokale Community ist.

Wir erfuhren weiter, dass Miyagi als Tourismusregion weitaus mehr zu bieten hat als die weltbekannte Bucht von Matsushima, die mit ihren zahlreichen Kieferninseln zu den drei schönsten Landschaften Japans gerechnet wird. Von der lebhaften Metropole Sendai, Präfekturhauptstadt, bis zu dem Nationalpark rund um Mt. Zao, einem aktiven besteigbaren Vulkankrater, der im Winter ein Schneeparadies für Wintersportler aller Art darstellt und mit zahlreichen heißen Quellen nach der Abfahrt lockt. Auch kulinarisch hat Miyagi viele lokale Köstlichkeiten zu bieten, von denen wir uns bei unserem anschließenden Besuch eines Restaurants spezialisiert auf die Tohoku Region persönlich überzeugen konnten.

Geblieben ist bei allen Stipendiatinnen und Stipendiaten Bewunderung für den schnell voranschreitenden Wiederaufbau der Region und die zukunftsorientierten Bemühungen der Präfektur zur Lösung des regionalen Strukturwandelproblems. Auch als Tourismusziel ist Miyagi nun noch tiefer in unser Bewusstsein gerückt. Den Wunsch einer Reise nach Miyagi in die Region Tohoku hat sich daher nach Ende der Exkursion gleich ein Teil der Stipendiatinnen und Stipendiaten erfüllt. (Sato)

Die Zukunft der Landwirtschaft?

Am zweiten Tag unserer Exkursion, an welchem, nachdem der Notstand in Tokyo endlich aufgehoben wurde, wir uns glücklicherweise in Präsenz versammeln konnten, haben wir das in Tokyo ansässige Start-up PLANTX besucht. PLANTX wurde 2014 gegründet und befasst sich seither mit einem optimierten Ansatz des sogenannten vertical farmings. Diese Art des Pflanzenanbaus sieht vor, dass Pflanzen, anstatt wie herkömmlich auf Feldern, in Regalen in Wasserbecken angepflanzt werden. Die am häufigsten anzutreffende Methode, vertical farming zu betreiben, ist, in großen geschlossenen Hallen offene „Regale“ aufzustellen, in welchen die Pflanzen dann ihren Platz finden.

Vorteile dieses Systems sind unter anderem der Schutz vor unvorhergesehenen/für das Wachstum der Pflanzen ungünstigen Umwelteinflüssen, die Möglichkeit des ganzjährigen Anbaus (unabhängig von den Jahreszeiten) sowie die Tatsache, dass es nicht mehr notwendig ist, die angebauten Pflanzen nach der Ernte zu waschen, da sie sehr sauber sind und auf Pestizide verzichtet werden kann. Da diese neue Anbauart noch neu ist und mitten in der Entwicklung steht, gibt es aber auch einige Herausforderungen. Dazu gehört zum Beispiel die Schwierigkeit, ein gutes Substitut für Sonnenlicht zu schaffen und die Wärme in der ganzen Halle konstant zu halten, da die warme Luft tendenziell in der Halle nach oben steigt. Im Gegensatz zu diesen „offenen Systemen“ verfolgt PLANTX den Ansatz, in „geschlossenen Systemen“ anzubauen.

Der Vorteil dieser Systeme ist, dass die verschiedenen Parameter (derzeit insgesamt 20, wie z. B. CO2-Gehalt, Temperatur, Lichtintensität etc.) separat gesteuert werden können und nichts nach außen dringen kann. Dadurch verspricht sich PLANTX einen fein abgestimmten Anbau und eine höhere Effizienz gegenüber offenen Systemen.

Obwohl dieser Ansatz so aussieht, als könnte er die Existenz/Daseinsberechtigung von herkömmlichen Landwirten bedrohen, wurde während der Präsentation, die für uns gehalten wurde, betont, dass der Ansatz nicht jener ist, die Landwirte zu verdrängen, sondern eher zu koexistieren, um gemeinsam die mit dem steigenden Nahrungsbedarf der Weltbevölkerung verbundenen Probleme zu lösen und die Qualität von angebauten Pflanzen sowie die Produktivität der Landwirtschaft zu erhöhen.

Am Tag unseres Besuches wurden wir vom CEO Herrn Kosuke Yamada empfangen, woraufhin im Anschluss Herr Yosuke Ito uns zunächst das Unternehmen vorstellte, anschließend die sogenannten Culture Machines zeigte und zum Ende hin unsere Fragen beantwortete. Das Unternehmen plant, zu expandieren, weshalb im Moment potenzielle englischsprechende Interessierte gerne gesehen sind. Die DAAD-Stipendiatinnen und -Stipendiaten haben die Möglichkeit beim Schopfe gepackt und daraufhin ihre Visitenkarten ausgetauscht. Ich wurde ein paar Tage später von Herrn Ito kontaktiert und auf einen “Cafetalk” eingeladen, um mich über die Implementation von KI in ihr System zu informieren und zu schauen, ob nach einem Praktikum ein Arbeitsplatz für mich geschaffen werden kann. Wer weiß, was für Möglichkeiten das Unternehmen für kommende Stipendiatinnen und Stipendiaten in Zukunft bereithält. Allemal handelt es sich hierbei meiner Meinung nach um ein sehr spannendes, zukunftsträchtiges Projekt. (Hajiabadi)

Deutsch-Japanischer Austausch in Shizukuishi

Im Rahmen der Auseinandersetzung mit der Region Tohoku nach der Dreifachkatastrophe 2011 trafen wir uns (wegen Corona leider nur via Skype) mit Herrn Uwe Richter. Als eingesessener Bewohner von Shizukuishi in der Präfektur Iwate unterstützt er schon lange persönlich den Austausch mit deutschen Partnerstädten. Das Programm der „Fukkou Arigatou-Host Towns“ ist im Rahmen der Olympischen Spiele 2020(21) entstanden und soll u. a. ein Dankeschön für die erfahrene Hilfe nach der Zerstörung durch das Erdbeben sein.
Herr Richter erzählte uns ausführlich und lebhaft über das Zustandekommen des Austauschs, der nicht zuletzt dank individuellen Engagements aus seinem Freundeskreis ermöglicht wurde.

Besonders beeindruckt waren wir aber von seiner langen Lebenserfahrung in Japan gepaart mit seinem tiefgreifenden Wissen über den japanisch-chinesischen Kulturraum. Als Sinologe und ehemaliger Professor war er bestens gewappnet, unsere löchernden Fragen mehr als nur ausreichend zu beantworten und wir genossen den lockeren Umgangston, in dem er uns von seinem Werdegang in China und Japan berichtete und darüber, wie es ihn aufs Land nach Iwate verschlagen hatte. Geschichten über benachbarte Pferdefarmen, Kayaktouren und wunderschöne Bergonsen machten uns allen Fernweh nach Tohoku und so gingen einige von uns nach Ende der Exkursion direkt auf Herrn Richters, bzw. nun schon Uwes, Einladung ein, ihn in seinem Haus besuchen zu kommen.

Nicht zuletzt die Einblicke in die Veränderungen in der Region, in der er nun seit fast 30 Jahren lebt, sind extrem spannend. Als er frisch dort hinzog, sei er noch gewarnt worden, dass es dort so gut wie keine Ausländer gäbe. Grund genug für ihn, genau dorthin zu ziehen. Das sieht heute natürlich anders aus, und als einige von uns in der darauffolgenden Woche auf eigene Faust einen Besuch nach Iwate unternahmen, waren wir längst nicht mehr die ersten Touristen, die dort entlangkamen. Aber sicher dank Herrn Richter die mit dem besten Hintergrundwissen. (Hermann)

Tradition und Innovation in Kamaishi

Der dritte Tag unserer Online-Exkursion durch Tohoku begann mit einem virtuellen Treffen mit Frau Oyama (小山様) von Fujiyu Jozo, einem lokalen Miso- und Shoyu-(Sojasauce)Produzenten aus Kamaishi (Iwate) mit über hundertjähriger Geschichte. Die Dreifachkatastrophe von 2011 hat die Tohoku-Region selbst aber auch unsere Wahrnehmung von ihr stark beeinflusst. Für die meisten Menschen der Küstenregion waren und sind der Tsunami und die Erdbeben ein einschneidendes, lebensveränderndes Ereignis. Aber auch Unternehmen haben stark unter den Schäden der Katastrophen gelitten und leiden bis heute unter den Nachwirkungen. Für Fujiyu Jozo war es bereits die dritte existenzbedrohende Katastrophe in der Unternehmensgeschichte. Der Tsunami hinterließ eine großflächig zerstörte Produktionsanlage, unverkäufliche Lagerbestände sowie die Frage, ob das Unternehmen fortbestehen können würde.

„Die Krise als Chance begreifen“ ist häufig nicht mehr als ein Spruch aus Management-Vorlesungen und Zeitschriften. Gerade bei Unternehmenskrisen durch Naturkatastrophen wie in Tohoku wirkt er schon fast makaber. Bei Fujiyu Jozo aber passt er erstaunlich gut. Frau Oyama erzählt uns, dass durch die Gespräche und Zusammenarbeit mit freiwillig Helfenden, die Kamaishi nach der Katastrophe besuchten, ein neues Unternehmenskonzept entstanden ist. Fujiyu Jozo produziert seitdem, neben den traditionellen Produkten Miso und Shoyu, auch neue Produkte wie beispielsweise Miso enthaltende Kuchen. Darüber hinaus werden Kooperationen mit anderen lokalen Produzenten eingegangen, um neue Produkte der Region zu entwickeln und gemeinsam vermarkten zu können.

Unter den Helfenden befand sich auch eine Produktdesignerin und Marketingspezialistin. Gemeinsam wurde das neue Design für die Fujiyu Jozo-Produkte, ein Internetauftritt mit integriertem Onlineshop, sowie ein Social-Media-Auftritt entwickelt. In den darauffolgenden Jahren hat Fujiyu Jozo für einzelne Produkte zahlreiche lokale und nationale Preise gewonnen und es bis auf die Titelseite der auflagenstärksten japanischen Wirtschaftszeitung Nikkei geschafft. Und die nächsten innovativen Produkte liegen schon bereit. Fujiyu Jozo wird in Zukunft einen noch größeren Fokus auf die weiblichen Kunden legen und hat bereits mit der Kosmetikproduktreihe AsunAmoon neue Produkte ins Sortiment aufgenommen.

Trotz alledem gibt es Schwierigkeiten, mit denen sich Fujiyu Jozo konfrontiert sieht. Das Unternehmen ist mit einem Dutzend Angestellten relativ klein und passende Mitarbeitende sind wegen der sinkenden Bevölkerungszahl nicht leicht zu finden. Auch dies ist eine direkte Folge der Dreifachkatastrophe von 2011.

Für mich persönlich hinterlassen die kurze Präsentation und die anschließende Fragerunde einen starken Eindruck. Wir hatten in unserem Konferenzraum ein paar Produkte zum Anschauen und Probieren ausgelegt und konnten uns so direkt von deren Qualität überzeugen. Fujiyu Jozo hat in den letzten zehn Jahren eine beeindruckende Entwicklung durchlebt und besitzt ein starkes Zukunftskonzept. Was für mich allerdings den größten Eindruck hinterlassen hat, ist die enorme Energie und tägliche Arbeit, die in das Projekt Fujiyu Jozo gesteckt wird. Ich hoffe, dass sich Fujiyu Jozo auch weiterhin so gut entwickelt und kann nur für mich sagen, dass ich Fan von dem Unternehmen und der dahinterstehenden Geschichte geworden bin. (Unterberg)

Bauer, ein bayerisches Unternehmen im japanischen Land

Japan ist Ursprung etlicher Tech-Unternehmen und neuer Technologien. Der Markt ist gespickt mit heimischen Riesen wie Fujitsu, Mitsubishi und Sony. Dennoch trifft man auch hier auf deutsche Traditionsunternehmen. Eines davon ist Bauer Kompressoren. Das deutsche Familienunternehmen aus München ist weltweit in zahlreichen Ländern vertreten, unter anderem auch in Japan.
Das Tochterunternehmen BAUER COMPRESSORS CO.,LTD wurde 1984 gegründet und vertreibt seitdem deutsche Kompressortechnik in Japan. Überraschenderweise hat das Unternehmen seinen Standort nicht wie viele andere in Tokyo, sondern in der Präfektur Iwate. Dort ist es, trotz seiner ländlichen Lage, aufgrund eines nahen Flughafens sowie einer Shinkansenverbindung ideal für ein internationales Unternehmen angebunden.
Aufgrund der Corona-Situation zum Zeitpunkt der Exkursion war es uns leider nicht möglich, das Unternehmen in Person zu besuchen, jedoch wurde ein digitales Treffen aus dem Konferenzraum unseres Ryokans ermöglicht. So konnten wir in Form eines Videochats live das Unternehmen vorgestellt bekommen und uns mit seinen Beschäftigten austauschen.

Während in Deutschland die Entwicklung neuer Produkte vorangetrieben wird, ist das japanische Unternehmen hauptsächlich mit dem Vertrieb sowie der Anpassung von Produkten an den japanischen Markt beschäftigt. Durch die Besetzung dieser Nische konnte das Unternehmen sich etwa 80% des japanischen Marktanteils sichern. Die Hauptabnehmer sind die Tauchindustrie sowie die Feuerwehr und die Polizei.

Des Weiteren konnten wir Fragen zum Arbeitsalltag und Herausforderungen stellen. So haben uns die Mitarbeitenden beispielsweise von den kulturellen Kommunikationsschwierigkeiten mit dem deutschen Mutterkonzern erzählt, die hin- und wieder auftreten, und wie sich die deutsche Arbeitsweise von der japanischen unterscheidet. Außerdem konnten wir Einblicke in das neueste Produkt von Bauer erhalten, mit dem Luft für Atemluftflaschen von Coronaviren gesäubert werden kann. Solche und andere Diskussionen haben nicht nur technisch tief einblicken lassen, sondern auch klar aufgezeigt, wie groß der Einfluss von kulturellen Unterschieden im Arbeitsleben sein kann.

Denn auch wenn das Unternehmen ursprünglich deutsch ist, sind alle Mitarbeiter in Iwate Japanerinnen und Japaner. So ist das Gespräch mit Bauer, trotz seiner deutschen Wurzeln, eine ganz neue Erfahrung für uns gewesen. (Killus)

Abschied in der Sake-Brauerei

Einen würdigen Abschluss fand unsere Exkursion in dem Besuch der Ozawa-Brauerei in Ome im Westen der Präfektur Tokyo. Herr Ozawa, Firmenchef der Brauerei, nahm sich die Zeit, uns persönlich eine Führung durch die Brauerei zu geben.

Die Ozawa-Brauerei ist eine von zehn Brauereien in der Präfektur Tokyo, die die traditionelle Handwerkskunst des Sake-Brauens bewahren. Hergestellt wird dort japanischer Sake, auch Nihonshu genannt (日本酒), welcher unter der Marke Sawanoi (澤乃井) vertrieben wird. Der Name leitet sich ab vom Namen des Geburtsortes der Brauerei, Sawai (澤井; in vereinfachter Schreibweise: 沢井), was so viel wie „Bäche und Brunnen“ bedeutet, und was die Fülle an klaren Bergbächen in der Region hervorhebt. Die Reinheit des Wassers ist ein bedeutender Faktor in der Herstellung von Sake, sodass es nicht verwundert, dass bereits vor über 300 Jahren in der Region Sake hergestellt wurde. In der Tat wird die Ozawa-Brauerei bereits 1702 erstmalig dokumentarisch erwähnt.

Herr Ozawa führte uns nicht nur durch den Herstellungsprozess von Sake, sondern hob auch die hervorgehobene Bedeutung des Nihonshus in der japanischen Kultur hervor. Nihonshu ist für Japanerinnen und Japaner nach wie vor etwas Heiliges. So gibt es einen kleinen Schrein im Eingang des Brauereigebäudes sowie die Tradition der „Sugidama“ (杉玉). Hierbei handelt es sich um den Brauch, große Bälle aus gepressten Zedernnadeln vor die Brauerei zu hängen, sobald die Herstellung des frischen Sakes vollendet ist. Man glaubt, dass der Gott des Sake sich in diese Bälle hinablässt.

Besonders interessant war auch, etwas aus dem Alltag von Sake-Brauern zu erfahren. Zur Zeit unseres Besuchs wurde die Brauerei gerade von oben bis unten gründlich gereinigt. Im Spätfrühling und Sommer sind die Temperaturen zu hoch, um Sake von ausreichender Qualität zu brauen, sodass diese Zeit für den „Frühjahrsputz“ genutzt wird. Daneben ist dies auch die Zeit, in der Herr Ozawa sich einen Urlaub genehmigen kann nach den Anstrengungen der arbeitsreichen Zeit im Winter.

Nach dem Besuch der Brauerei nutzten wir noch die Möglichkeit, in den angrenzenden Lokalitäten den Sawanoi-Sake zu probieren. Einige von uns kauften sich auch direkt eine Flasche als Andenken. Die Ozawa-Brauerei ist ein sehr empfehlenswerter Tagesausflug für die Tokyoter, die der Hektik der Großstadt einmal entgehen möchten. Neben der Möglichkeit, an einer Brauereiführung teilzunehmen, gibt es angrenzend auch einen Garten am Fluss mit Essens- und Trinkmöglichkeiten.

*Derzeit (Stand Mitte Juli 2021) werden wegen der Coronapandemie leider keine öffentlichen Führungen durchgeführt. Unter strengen Infektionsschutzmaßnahmen wurde für uns eine Ausnahme gemacht. Bitte beachten Sie die aktuellen Hinweise auf der offiziellen japanischen Website von OZAWA SHUZO CO., LTD. (Schwarz)

Sprache und Praxis in Japan

Mehr über das Programm „Sprache und Praxis in Japan“ erfahren Sie hier: www.daad.jp/de/sprache-und-praxis-in-japan/